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Maike Tatzig im Interview mit dwdl.de
 
Nach anderthalb Jahren "Sommerpause" kehrt die Sat.1-Improcomedy "Schillerstraße" am Freitag zurück auf den Bildschirm. DWDL.de sprach im Vorfeld mit Erfinderin Maike Tatzig über das Format, die lange Pause, den neuen Mieter Jürgen Vogel und die Frage, wieviel die Protagonisten der Sendung wirklich wissen.
 
Manche Dinge dauern ja etwas länger als gedacht. So auch die Fortsetzung der „Schillerstraße“, deren Sommerpause anderthalb Jahre lang geworden ist. Wie kam‘s dazu?
Ich muss gestehen, dass ich mir das neulich auch mal überlegt habe und ich glaube es lag an mir. Die „Schillerstraße“ ist mein Baby - und das hat irgendwann extrem viel Kraft gekostet. Da brauchte ich 2007 einfach eine Pause und hatte das Glück, mit Marc Schubert einen Produzenten zu haben, der das mitgemacht hat – insbesondere auch die Länge der Pause. Denn welcher Produzent sagt schon, wenn der Sender auf ein Comeback drängt, dass man lieber noch etwas länger pausiert. Da geht ja Umsatz verloren. Dafür bin ich ihm natürlich sehr dankbar.

Wobei es nur in Deutschland eine Pause für die „Schillerstraße“ gab. SevenOne International vermeldete munter Verkäufe ins Ausland. Wieviel Arbeit bedeutete das für Sie?
Die „Schillerstraße“ hat mich in der Tat nicht wirklich losgelassen. Ich war viel unterwegs und habe die ausländischen „Schillerstraße“-Produzenten beraten. Das gibt unglaublich viel Auftrieb und Energie, wenn man sieht, wie das Format selbst in fremden Ländern mit teilweise fremden Kulturen spontan angenommen wird. Ich versteh natürlich meistens kein Wort von dem, was auf der Bühne gesprochen wird, aber die Ausstrahlung der Darsteller und die Reaktionen des Publikums sprechen für sich. Und dann denk ich mir schon „Mensch, die spielen gerade mein Spiel“. Und als ich sah, wie gut das Konzept selbst mit uns fremden Protagonisten funktioniert, ließ sich für mich daraus auch der Schluss ziehen: Dann schaffen wir das mit einer neuen Besetzung auch.

Gab es keine Konflikte mit den lokalen Produzenten der ausländischen Adaptionen?
Es fühlt sich natürlich schon komisch an, wenn die eigene Idee abgewandelt wird. Und es kam auch vor, dass lokale Produzenten sehr zweifelhafte Ideen hatten, wie man das Format verändern könnte. Da habe ich mich manchmal gefragt, wieso sie eigentlich überhaupt die Rechte gekauft haben, wenn sie etwas völlig Anderes daraus machen wollen. Ideal war es, wenn sich die Produzenten unsere deutsche Produktion angeschaut haben und dann um Hilfe baten, es genau so umzusetzen. Das ist eine schöne Wertschätzung. Die unterschiedlichen Kulturen führen aber zwangsweise zu Änderungen, über die man erstmal stutzt und sich dann eines besseren belehren lässt. In der Türkei stehen zum Beispiel ein bekannter Comedian und seine Haushälterin im Mittelpunkt. Und ich war sehr skeptisch wegen der Haushälterin, bis man mir versicherte, dass das üblich sei und für das türkische Publikum nicht abgehoben wirkt.

In den USA hat es ja nicht geklappt. Die Rechte an der „Schillerstraße“ wurden zwar verkauft, aber produziert wurde nicht.
Richtig, aber ich glaube nach wie vor, dass es auch in den USA funktionieren würde. Das wäre ein Ritterschlag. Aber auch als die Engländer ihren Piloten gedreht haben, war ich sehr stolz. Gerade wo dort doch immer über die Humorlosigkeit der Deutschen gelästert wird. Aber da weiß ich gerade gar nicht, was dort Stand der Dinge ist.

Wann begann denn die Suche eines Nachfolgers für Cordula Stratmann?
Im Grunde direkt vor unserer Pause. Während ich damals, wie früher in der Schule vor den großen Ferien, die Tage bis zur Pause gezählt habe, kam Cordula und sagte uns, dass sie aufhören möchte. In dem Moment war klar, dass die Pause warten muss und wir uns direkt auf die Suche begeben wollen. Wir haben die sehr renommierte Casterin Simone Bär beauftragt, für uns im Schauspieler-Bereich zu suchen. Da haben wir auch drei sehr lustige Jungs gefunden. Aber immer noch keine Frau...die sind ja leider nicht so leicht zu finden in der Comedy. Deshalb haben wir später auch noch ein offenes Casting in Hamburg an der Stage School gemacht - da fühlte ich mich allerdings wie in der Jury von „Deutschland sucht den Superkomiker“. Wir hatten keine Vorgabe außer: Die Kandidaten haben zwei Minuten Zeit, uns zum Lachen zu bringen. Was da für Leute kamen: Unglaublich!

Am Ende ist es ein Schauspieler geworden. Welche Vorstellungen hatten Sie denn an den neuen Mieter? Nach was wurde gesucht?
Geschlecht, Alter - alles egal. Wir wollten uns erst einmal überraschen lassen, wer uns so über den Weg läuft.

Aber hätte eine weibliche Nachmieterin nicht unmittelbar zu Vergleichen mit Cordula Stratmann geführt?
Es wäre auch auf die Frau angekommen. Aber auch ein männlicher Comedian hätte zu Vergleichen geführt. Das ist das Schöne an Jürgen Vogel: Die Zuschauer hätten nie einen Schauspieler erwartet. Der Überraschungsfaktor trifft auf den Vorteil, dass Jürgen schon sehr bekannt und beliebt ist.

Wie war es dann nach langer Pause zum ersten Mal wieder das altbekannte Studio zu sehen?
Es entspricht in etwa dem Gefühl, wenn man einen alten Freund nach langer Zeit wieder sieht. Und es war tatsächlich so, dass ich ganz allein vor der großen blauen Studiotür stand, einmal durchgeatmet habe und dann reingegangen bin. Ein komisches Gefühl war das. Es war ja noch alles da, die alte Deko. Die wurde natürlich zwischendurch mal abgebaut, weil man das Studio ja brauchte, aber sie stand dann eben wieder da, die Schillerstraße. Als wäre sie nie weggewesen.

Es heißt ja, es gibt kein Drehbuch bei der "Schillerstraße". Dennoch hat jede Episode ein grobes Thema. Die erste Folge nach der Pause thematisiert zum Beispiel die Nachmieter-Suche. Gebrieft sind die Teilnehmer vorher also doch?
Die erste Folge nach der Pause ist sehr strukturiert. Das liegt einfach daran, dass wir erzählen möchten wieso Cordula Stratmann nicht mehr dabei ist und Jürgen Vogel ihr Nachmieter wird. Start und Ziel der Folge und ihre Rollen sind den Darstellern also bekannt. Sie wissen, was die grobe Handlung der Folge sein soll. So ein Briefing gibt es. Welche einzelnen Anweisungen sie dann bekommen, das wissen sie aber natürlich wie immer nicht. Und was sie aus der Story selbst machen, bleibt auch den Künstlern überlassen.

Und was macht man, wenn man merkt, dass sich die Handlung auf der Bühne gerade in eine völlig falsche Richtung entwickelt?
Manche Aufzeichnung kriegt eine Eigendynamik. Man kann sagen, jede dritte Folge verselbstständigt sich und dann muss ich schnell reagieren.

Und wie kann man dann reagieren?
Wir versuchen im Vorfeld alle möglichen Reaktionen und Entwicklungen vorherzusehen und dafür passende Plot Pusher vorzubereiten. Wir haben immer welche als Reserve dabei. Auch das reicht nicht immer. Dann muss man es halt einfach laufen lassen und schauen, wohin es führt. Es gibt keine falsche Richtung, es gibt nur andere Richtungen (lacht).

Was für ein Gefühl ist das eigentlich, wenn Sie da oben weit über den Schauspielern sitzen und diese quasi fernsteuern können?
Das war ein sehr eigenartiges Gefühl als wir den allerersten Piloten aufgezeichnet haben und die Menschen unten auf der Bühne das taten, was ich ihnen sagte. Und aus diesem Grund darf man nicht Macht fokussiert sein, sondern nur daran denken, was das Spiel auf der Bühne weiterbringen wird. Ich sehe das als Verantwortung, die ich übernehme. Dafür, dass die Künstler sich wohlfühlen und sich gern vertrauensvoll in meine Hände legen und dafür, dass wir am Ende eine tolle Sendung haben. Wie ich mich dabei fühle ist eigentlich egal.

Jetzt haben wir darüber gesprochen, was die Darsteller alles machen müssen. Zum Abschluss eine umgekehrte Frage: Gibt es bezogen auf das Spielprinzip Tabus bei der „Schillerstraße“?
Nein sagen. Wenn ein Darsteller einen Impuls einbringt und der andere diesen ablehnt, würde es das Spiel bremsen. Also immer die Angebote des anderen annehmen. Auch wenn dich einer anschaut und dir ins Gesicht sagt, dass du doch früher immer dein Häufchen in die Sandkiste gesetzt hast... Dann hattest du als Kind eben ein spezielles Hobby.

 

29.01.2009

Vielen Dank an www.dwdl.de für die Genehmigung der Nutzung des Interviews.
 
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